Für alle die glauben unsere Freizeitaktionen beschränken
sich nur auf Stoffkauf und Schneiderbesuche sowie Shoppingaktionen bei den „two-sistern“
zum Auffüllen der Nutella und Schokoladenvorräte, dem sei gesagt das Haydom
auch auf dem Wellnessektor ein
wachsendes Angebot bietet. Da wären zum Einen die wöchentlichen Saunaabende.
Jawohl, Haydom besitzt seine eigene und wohl in Tanzanias-Krankenhauslandschaft
einzigartige finnische Sauna. Der Steinofen ist Holzfeuerbetrieben und heizt
uns nach getaner Arbeit oft ein, eine willkommene Alternative uns die
Schweissperlen auf die Stirn zu treiben, während eigens importierte Aromadüfte
den Aufguss zu einem besonderen Highlight machen. Neuerdings gibt es auch
Salzpeeling, Saunathermometer und Saunauhr! Für das Tachbecken müssen wir
allerdings noch eine Sonderanfrage an die Finanzabteilung der Klinik stellen.
Tja und im Dorf sorgt man für das Wohl unserer Füsse, im Beautysalon lassen wir
uns von Zeit zu Zeit Hornhaut, eingerissene Nägel und schmerzende Fußsohlen
verwöhnen. Zum kröhnenden Abschluss versteht sich der junge Pedicur-IST dann
auch in der Kunst der Nagelgestaltung. Geschlossenes Schuhwerk empfohlen!
Besonders in der schlammigen Regenzeit.
Sonntag, 23. Dezember 2012
Haydom goes Hollywood
Das Haydom inzwischen internationale Bekanntheit und den
tanzanianischen Titel Hauptstadt der Herzen trägt ist allbekannt. Damit das
auch so bleibt und vielleicht noch ein bisschen mehr hinaus in die Welt
getragen wird, liessen sich in den letzten 3 Wochen Daniel, Fotograph und
Filmmacher von National Geographics, und Michael, professioneller Fotograph aus
San Francisco mit all ihrem Equipment hier in Haydom nieder. Ihr Auftrag, ein
Dokumentarfilm über Haydom und das Krankenhaus. Sie wollen die Geschichten der
Menschen hier der Welt berichten, die Welt aufmerksam auf Haydom machen, um der
Klinik auch für die Zukunft Unterstützung zu gewährleisten. Dafür führten sie
Interviews vom Administrator bis zur Schwesternschülerin, durchstreiften die
Klinik mit ihrem Teleobjektiv und der Kamera auf Rollen…manchmal sah man einen
von ihnen auch im Rollstuhl sitzend filmend…auf der Suche nach Schicksalen,
Geschichten und alltäglichen Begebenheiten. Sie fanden ihren Weg auch auf Lena
Ward…das hiess ich wurde gefunden J
verkabelt und hatte Mikrofon unter mir und Kamera abwechselnd vor und hinter
mir…Glaubt mir ich habe mehrfach versucht Reissaus zu nehmen aber die Jungens
waren sehr flott und mir immer auf den Fersen. Manchmal etwas ausser Atem, die
Armen, waren einfach noch nicht an meinen Laufschritt und die dünne Luft hier
oben auf knapp 2000 Metern gewohnt. Und ich denke sie konnten sich nicht über ungenügend
Filmaufnahmen beschweren…da sie die Katastrophen zum Teil wirklich angezogen
haben und so sind jetzt all unsere nächtlichen Reanimationsaktionen, tägliche
Stationsvisiten und manchmal etwas alberenen und peinlichen Kamerakommentare
(sowie Flüche, wenn wir uns der Mikrophons nicht mehr bewusst waren) auf Band
und im Kasten. Und wir warten auf die Veröffentlichung des footage. Oh bitte
bitte lieber Daniel und Michael wählet weise und gerecht. Der Film soll in
einem halben Jahr ausgestrahlt werden.
Gedanken zum Jahresende
Während Europa gerade unter einer weissen Decke aus Schnee
verschwindet, hat in Haydom gerade die lang ersehnte Regenperiode begonnen. Das
ausgetrocknet rot-staubige Land liegt durstig vor mir, während ich meinen Blick
vom Garten ins Tal schweifen lasse. Mein kleiner Gartenteich hat mehr als ein Drittel
seines Wassers verloren und die Fische haben sich auf den Grund verzogen. Der
Regen ist für viele Familien überlebenswichtig denn mit ihm kann die Aussaht
des Mais begonnen werden. Durch die lange Trockenzeit werden die Fälle von Unterernährung
immer zahlreicher und die Milch reicht gerade einmal für die Hälfte der Kinder.
Das neue Ernährungsprogramm steckt noch in seinen Kinderschuhen. Es beeinhaltet
neben 3 warmen Mahlzeiten am Tag auch ein präventives Schulungsprogramm für die
Eltern bevor sie mit ihren Kleinen wieder ins Dorf zurückgeschickt werden. Man möchte meinen Milch sei eigentlich
überhaupt kein Problem bei all den muhenden Artgenossen hier, aber in der Tat
steht der Station nur täglich eine Menge von 4-5 Litern zur Verfügung die sich
bis zu 20 Kinder teilen müssen. Das das nicht ausreicht ist kalkulierbar. Es
ist ruhig geworden in Haydom, all die Mzungu Doctors, bis auf Norbert (Professor, plastischer Chirurg, Anästhesist,
Orthopädischer Chirurg und all round talent) aus Californien, der hier schon genau so zum
regelmässig wiederkehrenden Inventar gehört wie ich) haben das Rote-Land im weihnachtlichen Flieger
nach Hause verlassen. So sind es derzeit nur Vickie und ich die Gesamtstation
und Frühchenstation betreuen. Die Interns sind bereits lange fort. Sie waren
eine wichtige Stütze für die Klinik, für Wochenendvisiten, Aufnahmen und
Bereitschaftsdienste aber es werden wohl so schnell keine neuen mehr nachfolgen…Gerüchten
zufolge lag der Regierung eine Beschwerde vor, die besagt, so lang in Haydom
keine Specialists anwesend sind stehen der Klinik keine Interns zu, was einem
halben Disaster gleich kommt, weil es für die verbliebenen wenigen ärztlichen
Kollegen 24 h Dienste nonstop bedeutet. Vicky
und ich geben uns Mühe alle Kinder zu versorgen aber manchmal findet man den
Weg nur schwer aus dem Bett wenn fast täglich nachts das Telefon klingelt. Dennoch habe ich grössten Respekt vor all den
Schwestern Lena Wards und der Neugeborenenstation die mit der dünnen Besetzung
versuchen alles umzusetzen. Dort wo früher die Verantwortlichen verschwunden
sind wenn es schwierig wurde, kommen jetzt viele helfende Hände ins Spiel wenn
Not am Mann ist. Man umarmt sich zur Morgenbegrüssung, man lädt sich gegenseitig
zum Kaffee ein, es wird versichert dass man sehr vermisst wurde wenn man mal über
ein Wochenende verreist war, sie fangen an über meine Witze zu lachen und mich
nicht immer ganz so ernst zu nehmen, wenn ich es nicht sein will. Nach wie vor
versuchen die Oberschwestern mich mit ihren Söhnen zu verheiraten und die
Jungschwestern sind mehr als interressiert zu lernen. Und was mich betrifft ich
baue meine chirurgischen Fähigkeiten weiter aus. Bastle VP-Shunts ein und
operiere Spinas. Mit dem Rehabilitätszentrum im Moshi , die mich mit Shunts
versorgen versuche ich ein Postoperatives Nachsorgeprogramm hier zu initiieren,
bei welchem die Kinder ihre
Nachsorgeuntersuchungen, die Eltern Einweisung und Schulungen im Katheterisieren
und Umgang mit den Kleinen bekommen, und Moshi das nötige Zubehör und eventuell
Fort-und Ausbildung einiger Schwestern und Ärzte anbietet. So soll ich im
Januar Catherine einer Kinderchirurgin in Arusha in den OPs folgen und dann
Igogo , einem Jungchirurgen hier mein Wissen weiterreichen. Wenn sich die
Besetzung aber hier nicht ein bisschen verbessert wird das wohl schwer werden. Momentan
plane ich den Einkauf mehrerer sonderangefertigter Rollstühle für die bettlägerigen
CP- und HC- Patienten die entlassungs- aber nicht lauffähig sind.
Sonntag, 12. August 2012
Lebenszeichen
Lange war es ruhig um die Haydomer Gerüchteküche, was aber nicht heisst, dass die Zeit hier stehen geblieben sei. Manchmal wünscht man sich dass sie das täte, aber gerade in Zeiten, in denen man kein Lebenszeichen von sich gibt, ist man doch häufig in seinen Alltag so verheddert dass man den sozialen Kontakt nach aussen vernachlässigt. Nichts desto trotz ticken die Uhren hier in Haydom weiter. Es ist ungewöhnlich still geworden auf dem Krankenhausgelände, damit meine ich die Anzahl der Mzungus hat sich extrem ausgedünnt, im Sinne von akustischer und mobiler Ruhe kann ich nur sagen hält mich mein Hund wach! So waren wir an diesem Wochenende das erste Mal auf einem Roadtrip nach Arusha. Der Grund unserers Kurzwochenendurlaubs sollte der erste Tierarztbesuch in Arusha werden. Nina mit ihrem Hund Flee und meine Maya mit mir. Nachdem uns die tüchtigen Jungs aus der Werkstatt meine komplette Kupplung ausgebaut und erneuert hatten, traute ich mich auch wieder hinters Lenkrad (nach fast 3 Monaten Stillstand). Unsere fast 8 stündige Autofahrt durch das derzeit extrem trockene und rotstaubige Buschland war von 5 mehr oder minder ungeplanten Stops unterbrochen. Zwei automechanische Probleme (gut dass es auch hier immer ein paar "weisse" Engel auf den Strassen gibt) und dreimal haben sich die Mägen unserer Hunde auf explosive Art entleert ... man sollte also seinem Hund am Tag eines solchen Unternehmens keine Cornflakes zum Frühstück füttern. Etwas peinlich auch wenn sich die Vierbeiner in der Lodge wie im Haydomer Dorf benehmen und neben dezenten Wegmarkierungen noch andere Spuren der Verwüstung hinterlassen. Bilanz nach dem Wochenende waren ein zerstörter Hotelteppich, ein zerfetztes Armband und ein zerkautes Mobiltelefon. Fast kaum zu glauben dass sie hingegen bei der schweizer Tierärztin in ihrer schicken Tierklinik zahm wie die Lämmer agierten. Sie war sichtlich beeindruckt. Nun ist mein Hund gechipt und geimpft. Bevor wir uns wieder in Richtung Haydom aufmachten wurde das Auto neben all den Arushaer Köstlichkeiten mit botanischen Schätzen gefüllt und unser rollender mobiler Dschungel erreichte am Abend sicher das Krankenhausgate, diesmal ohne magenkranke Zwischenstopps
Harvard versus Haydom
Hoher Besuch von Übersee. Es grenzt eigentlich schon an Ironie wenn man mitten im tanzanianischen Buschland ein potentiell funktionsfähiges CT Gerät stehen hat, das bloss seit mehr als einem Jahr die Potenz der Funktionsfähigkeit vermissen lässt. So vermissen wir auch den schon so lang versprochenen norwegischen Ingenieur der es wieder zum Leben erwecken soll. Mit hohen Erwartungen erreichte sicherlich auch das amerikanische neurochirurgische Team Haydom...bloss ohne die passende Bildgebung bleibt der OP Tisch in vielen Fällen leider dann doch leer. Die Information das Krankenhaus bietet die Möglichkeit der VP-Shuntoperation bei Kindern mit Hydrocephalus und die Verschluss-OPs bei Spina Bifida sorgte dann doch für Neugier bei dem amerikanischen Team, bloss die kühne Aussage der OP Besatzung, das macht unsere "Neurochirurgin" läßt mich mit einem genau so erstaunten wie etwas sprachlosen Gesichtsausdruck dastehen wie unsere neuen Gäste. So schnell gewinnt man neben seinem pädiatrischen Titel noch eine Zusatzbezeichung hier. Passend nur dass ich noch in derselben Woche ihrer Anwesenheit meine operativen Fähigkeiten gleich dreimal unter Beweis stellen musste/durfte...mit dem Resultat einer Abwerbung als neurochirurgischer Assistent an die Bostoner Uniklinik in Havard...da fühlt man sich schon etwas geschmeichelt und veralbert zugleich. Wenn ich darf bitte schön, bleib ich lieber Pädiater war meine Antwort :-) !
Projekt Milchküche
Für alle die sich fragen, was es sonst neues zu berichten gibt auf dem Sektor der pädiatrischen Entwicklungshilfe denen sei folgendes mitzuteilen: Nina eine norwegische Ökonomin die hier in der Krankenhausfinanzabteilung als Finanzberater arbeitet, hat ein vor sich hin schlummerndes Budget aufgedeckt, dass es uns erlaubt, ab sofort bis zu 15 Kinder monatlich auf der Kinderstation mit 3 warmen Mahlzeiten am Tag zu versorgen. Das Problem vieler Eltern entsprechende Grundbedürfnisse ihrer Kinder zu stillen, führt häufig dazu, dass sie mit den noch kranken Patienten das Krankenhaus unbemerkt verlassen. Für solche Härtefälle haben Nina und ich einen Menüplan erstellt und Kinder extrem mittelloser Familien oder alleinerziehender Mütter bekommen von der Krankenhauskantine Reisbrei, Kartoffeln, Avocado, Banane und Milch gratis. Wir hoffen inständig dass es sich zu einem Selbstläufer entwickelt und nicht in einer entwicklungshilfslosen Sackgasse landet. Es ist schön zu erleben wie jetzt mittags der doch sonst sehr prägnante Geruch auf der LenaWard von einem Duft aus warmen porridge und Bananen übertüncht scheint. Wie lang das spendenbudget hierfür noch ausreichen mag, wissen wir bloss noch nicht.
Heimweh
Was tun wenn einen trotz all der Abenteuer hier das Heimweh plagt...so ein Flugticket ist schnell gebucht und im Nu steht man wieder auf deutschem Boden. Obwohl das im "nu" wiederrum auch eher relativ zu verstehen ist. Public Landcruiser nach Arusha, Shuttle am nächsten Tag nach Nairobi, Flieger nach Amsterdam, Übernachtung und Flieger nach Frankfurt. Neun Stunden später in einer mir mittlerweile völlig ungewohnt fremden Umgebung wieder aussteigen. Das erste was sofort auffällt, ist die scheinbare Sterilität. In Haydom ist man tagtäglich tausenden von Sinneseindruecken ausgesetzt ob olfaktorisch , akustisch oder optisch. Hier steigt einem sogleich der Geruch von "NICHTS" in die Nase, und "NICHTS" riecht nach Reinigungsmittel, Raumlufterfrischer oder ist einfach nur der Geruch von Sauberkeit?? Dieser mischt sich auf angenehme Weise mit Kaffeeduft vom angrenzenden Flughafencafé. Der Besuch auf der Damentoilette wird zum Hightecerlebnis, Seifenspender, automatische Handtrockner und Toilettenpapier. Das gibt es zum Glück auch in meinem Haydomer Haushalt...auf meinen tansanianischen Reisen aber trifft man das eher nicht so häufig, da wird das gute Abreißbare-Dreilagige mein treuer Reisegefährte im Handschuhfach meines Landcruisers. Meine Zeit zu Hause war wie erwartens viel zu schnell vorüber, Besuch bei und von Freunden, ein Besuch der Wilhelmshavener Kinderklinik mit Überraschungsparty all meiner Kollegen und Freunde. Es scheint fast als käme man von einem Urlaub zurück...dabei ist man derjenige im Urlaub. Seltsame Erfahrung. Es ist als führe man zwei Leben zwischen denen man hin- und herpendelt. Trotzdem weiss man wohin man gehört und es steht ausser Frage dass man wieder dorthin zurückkehren muss. Der Abschied kam schnell und mit jedem geflogenen, gefahrenen und gelaufenen Meter kehrt man immer mehr zurück in seine tansanianische Identität. Das schöne ist wenn man sich an zwei Orten zu Hause fühlen kann.
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